Potemkinsche Dörfer

Die Irrfahren des Prozesseus

„Schulzeee!!“ schallte es durch den endlos langen Flur des modernen Bürokomplexes der Tunicht&Gut GmbH.

„Kommense mal zügig ran, wir haben einiges zu bereden!”  krächzte Pacholke, der neue Werkleiter.

Schulze, seines Zeichens nahkampferprobter QM-Leiter, dem sämtliche höheren Weihen der Deutschen Gesellschaft für Qualität erteilt wurden, verdrehte die Augen, seufzte und schnappte sich sein Tablet, um binnen 30 Sekunden bei seinem neuen Oberguru auf der Matte zu stehen.

 Wie viele Jahre machte er diesen Job jetzt eigentlich schon? Und was hatte er in den 15 Jahren seiner Firmenzugehörigkeit eigentlich bewegen können? Wer von den 500 Mitarbeitern des Ladens würde nur einen Pfifferling für ihn geben, wenn Pacholke ihn jetzt gleich ins berufliche Abseits befördern würde? Vermutlich nicht allzu viele!

All die Audits, die unzähligen Workshops, die prophetischen Ratschläge, die wohldurchdachten Schulungskonzepte. Alles Perlen vor die Säue! Wer, wenn nicht er, hatte die Organisation in den anderthalb Jahrzehnten so nach vorne gebracht und positiv weiterentwickelt? Nun waren sie bereit für höhere Aufgaben, für die Transformation ins digitale Zeitalter, für die VUKA-Welt….

Schulze ließ diese heroischen Gedanken noch einmal selbstbewusst durchs Hirn kreisen und klopfte energisch an die vertäfelte Bürotüre seines Vorgesetzten.

 „Lieber Herr Schulze“ eröffnete Pacholke sanft und deutete mit einer einstudierten Geste auf einen der eleganten braunen Chesterfield-Sessel. Schulze blickte misstrauisch und nahm in einem der englischen Ungetüme Platz.

„Sie wissen doch, dass nächste Woche die nervige Auditmafia wieder mal vor der Türe steht und unser ISO-Zertifikat auf den Prüfstand stellt! Ich hoffe, dass Sie diesen Bürokratenverein nur mit dem Nötigsten an Infos versorgen und nicht zu tief ins Schlafzimmer blicken lassen, ja?! Und sorgen sie bitte dafür, dass der Betrieb in Ruhe weiter arbeiten kann, denn Sie wissen ja, die Auftragslage ist angespannt hoch und die Stückzahlen müssen raus, also bitte! Haben Sie noch Fragen?“

Pacholke hatte sich bereits seinem wuchtigen Schreibtisch zugewandt und Schulze, der tief in seinem Sessel versunken war, alleine in der Sitzecke zurückgelassen.

Schulze kämpfte sich aus dem Chesterfield, räusperte sich und wollte gerade seine bestens vorbereitete Replik abspulen, da betrat Frau Hänfling, Pacholkes Assistentin das Büro und wies ihren Chef darauf hin, dass sie nun ganz dringend Dr. Herold, den Vertriebschef in der Leitung habe.

„JA?! War noch was?“ zischte Pacholke leicht gereizt in Schulzes Richtung.

„Nein, nein, alles klar, einen schönen Tag noch!“ stammelte Schulze devot.

Ohne Schulze auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen, nahm Pacholke den Anruf seines Vertriebsleiters entgegen, gefolgt von einem lauten kräftigen Lacher, den Schulze als Ergebnis eines der geschmacklosen Herrenwitze Dr. Herolds antizipierte.

Das Gespräch war beendet und die Chance vertan. Es würde wieder eines dieser unzähligen Audits werden, das ausschließlich dem Erhalt des Zertifikates dienen würde. Das QM-System würde weiterhin ein Dasein im Paralleluniversum fristen, rein gar nichts mit den real gelebten Abläufen und Prozessen im Unternehmen zu tun haben und lediglich Geld kosten, ohne auch nur einen Funken an Kundenutzen zu stiften. Die ganze Mannschaft würde das QM-System auch in Zukunft als lästiges Übel und bürokratischen Dokumentationsaufwand wahrnehmen und ihre eigenen Entscheidungen treffen. Sie würden wieder einmal dem Auditorenteam widerwillig Rede und Antwort stehen und die altbekannten Baustellen dilettantisch kaschieren wollen.

Schulze wusste, wenn er den Job behalten wollte, was in den nächsten Tagen zu tun war, Potemkinsche Dörfer bauen...    

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Erzählungen eines Abenteurers von den unberechenbaren Mysterien des Qualitätsmanagements.